Verdeckte Traumata erkennen

Dies ist eine Replik auf das aktuelle Interview der Berliner Zeitung mit Stefan Röpke, seines Zeichens Traumatherapeut, Professor an der Berliner Charité, Forschungsgruppe Traumafolgestörungen und Ärztlicher Direktor an den Oberbergkliniken Berlin-Brandenburg, in der Fortsetzung meines eigenen Artikels in der Berliner Zeitung vom 11.03.2023 “Japanische Erkenntnis: Die Seele eines Dreijährigen bleibt ihm 100 Jahre”.

Kurze Vorbemerkung bzw. Disclaimer: was Herr Röpke im Interview über Traumata und PTBS sagt ist nicht vollkommen verkehrt und alles ganz anders, aber es gibt da einige blinde Flecken wo andere Fachleute auf diesem Gebiet schon wesentlich weiter sind. Und auch hier gilt: das habe ich mir nicht alles selbst aus den Fingern gesaugt, sondern ich berufe mich auf mindestens gleichermaßen qualifizierte Fachleute, deren Erkenntnisse ich lediglich zu einem abgerundeten, allgemeinverständlichen Modell zusammenfasse. Und weiter gilt: ich erhebe keinen Anspruch auf letztgültige Wahrheit®™. Ich kann mich auch irren, genauso wie Herr Röpke und jeder andere Mensch, was schon die alten Römer feststellten und woran sich bis heute nichts geändert hat. Derartige Demut würde gerade heutzutage in Zeiten von “Fake News”, “Faktencheckern” und Kriegspropaganda vielen gut zu Gesicht stehen. Dies ist auch in sofern relevant als es auf meinen ersten Artikel negative Rückmeldungen gab, aber kein konstruktiver Austausch zustande kam. In diesem Sinne bin ich für Kritik offen, wenn sie konstruktiv ist. Also nicht nur meckern, sondern erst mal besser machen.

Zur Sache: am Anfang muss hier eine Begriffsklärung stehen. Herr Röpke spricht im Interview praktisch ausschließlich von sogen. “großen” Traumata, also Kriegserlebnisse, Fronteinsatz, Folter, Vergewaltigung, (Natur-)Katastrophen, schwere Unfälle, unzweideutiger Missbrauch in der Kindheit wie sexueller Art, physische und psychische Misshandlungen. Es gibt aber auch “kleine” und “verdeckte” Traumata, die nicht in diese Kategorien fallen, wie Shelley Uram in einem Vortrag (leider nur auf Englisch und auf youtube leider nicht mehr verfügbar, aber lokale Kopien hier) erläutert hat. Sie gibt darin auch ein einfaches Beispiel für ein kleines Trauma, das sie selbst (erlebt) hat. Als Kind kam sie stolz mit einem bunten Luftballon, den ihr jemand geschenkt hatte, nach Hause. Ihr Vater machte ihr nun weiß, dass wenn ein Luftballon platze, dass dieser einem das Auge heraus saugen könne und man blind würde. Vollkommen absurd, aber die kleine Shelley konnte das mangels Erfahrung noch nicht wissen und war zu Tode erschrocken darüber wie gefährlich so ein Luftballon sei. Inzwischen ist sie PhD und M.D. und sie weiß mit absoluter Sicherheit, dass ein Luftballon einem nicht das Auge heraus saugen kann. Aber, wenn sich heute noch jemand ihr mit einem aufgeblasenen Luftballon nähert, zuckt sie immer noch zusammen und weicht in der ersten Reaktion zurück. Ein Beispiel für ein kleines, relativ harmloses Trauma, mit dem was Traumata auszeichnet: eine bleibende Angstreaktion auf einen Trigger.

Und dann gibt es die “verdeckten” Traumata, wie sie bei frühkindlicher Traumatisierung die Regel sind. Herr Röpke spricht diese nur indirekt an und zwar als die Traumata zu denen es keine (bewußte) Erinnerung gibt. Herr Röpke behauptet, dass man da in den meisten Fällen keine Kausalitäten zwischen Trauma und heutigem Leid mehr herstellen könne. Das scheint auf den ersten Blick plausibel, wenn es daran keine Erinnerung gibt, was vor dem Alter von 3 Jahren auch logisch ist, weil erst mit dem “online” Gehen des Hippocampus das Einspeichern von Erinnerungen beginnt. Auch ist richtig, dass Erinnerungen nicht fest sondern mehr wie ein Tonklumpen sind, der sich jedes mal verformt, wenn man ihn in die Hand nimmt. Und man kann Erinnerungen sogar suggerieren wie das Disney-Land-Phänomen, einer harmlosen Experimentvariante der false memories, beweist: in den USA ist seit Jahrzehnten für praktisch jedes Kind ein Besuch in Disney-Land obligatorisch. Und so sollte praktisch jeder erwachsene US-Bürger Erinnerungen an seinen Besuch als Kind in Disney-Land haben. In einer Studie hat man nun Probanden gefragt wie den ihr Besuch in Disney-Land war und ob sie Mickey, Minni, Goofy und Bugs Bunny (als überlebensgroße Kostümfiguren) getroffen haben. Eine signifikante Anzahl von Probanden meinte sich an Bugs Bunny zu erinnern. Allerdings eine klare, falsche Erinnerung, denn Bugs Bunny gibt es nicht in Disney-Land, Bugs Bunny ist eine Figur von Warner Brothers, dem Konkurrenten von Disney.
Erinnerungen können einen also in die Irre führen. Und ganz besonders skeptisch sollte man bei “Erinnerungen” unter 3 Jahren sei, wo es hirnentwicklungsmäßig praktisch keine geben kann. Nebenbei bemerkt, sollte jeder Richter diesbzgl. eine psychologische Schulung in seiner Ausbildung erhalten um dann Zeugenaussagen mit dem entsprechenden Vorbehalt beurteilen zu können.
Es scheint also keinen Weg zu den “verdeckten” Traumata zu geben. Wenn man allerdings weiß, dass die frühkindlichen Traumata was die eigentlichen Ursachen betrifft mit denen der großen Traumata gar nichts gemeinsam haben, außer der erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass in dysfunktionalen Familien wo es später große, offene Traumata durch Missbrauch u.ä. gibt, auch schon frühkindliche Traumata stattgefunden haben, die die großen Traumata zu Retraumatisierungen machen, dann muss man nur an anderer Stelle suchen um fündig zu werden. Um es auch gleich vorweg zu nehmen: sicher ist diese Methode auch nicht, da niemand weiß was genau damals im Alter zwischen 1½ und 3 Jahren passiert ist. Aber man kann zumindest mal erforschen, was denn passiert sein könnte und zwar aus den späteren Erinnerungen des Betroffenen, als auch den (noch lebenden) Angehörigen, die damals schon Erwachsene waren, als der Betroffene im “sitting duck”-Alter war. Z.B. ob die Mutter als primäre Bezugsperson in dieser Zeit (wieder) arbeiten gegangen ist. Oder wie denn ganz allgemein das emotionale Verhältnis zur Mutter war: warmherzig-empathisch oder eher kühl-distanziert? Hatte die Mutter selbst (auch schon) psychische Probleme? Umzug? Krankenhaus- oder Kinderheimaufenthalte? Längere Trennung zwischen Mutter und Kind aus welchem Grund auch immer usw. usw.
Und dann kann sich jeder der glaubt psychisch “normal” zu sein bzw. keine Erinnerungen an große Traumata hat, fragen wie er denn auf emotional bewegende Ereignisse wie z.B. der Tod einer nahestehenden Person, Trennung vom Partner, unglückliche Liebe, u.ä. auf einer Skala von 1 bis 10 reagiert, wobei das soziale Umfeld bei 3 eingenormt wird. Das gleiche kann man mit dem Selbstwertgefühl machen. Jede starke Abweichung nach oben oder unten (1 oder 8-10) ist ein Hinweis auf schlechte, emotionale Autoregulation und auf frühkindliche Traumatisierung. Auch stellt sich hinsichtlich Betroffenheit die Frage wie das Leben sonst so aussieht: schläft man schlecht? neigt man zum Grübeln? depressiv veranlagt? leicht reizbar? hochintelligent oder hochbegabt? Suizidgedanken? anlasslose Erkrankungen? Ungerechtigkeiten nur schwer zu ertragen? Alpträume in der Kindheit? Die Wahrscheinlichkeit einer frühkindlichen Traumatisierung steigt weiter an.
Wer dagegen ein lebensfroher, lebensbejahender Mensch mit vielen Freunden, Freude am Feiern und sogar zu einer gewissen Naivität und Leichtgläubigkeit neigt, weil er immer das Gute in seinen Mitmenschen sieht, der problemlos auch mal Fünfe gerade sein lassen kann, hoffnungslos positiv in die Zukunft blickt, immer im hier und jetzt lebend; da sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Traumatisierung drastisch.
Noch mal: was genau damals passierte können wir nicht wissen! Aber wir können in die Vergangenheit extrapolieren und Rückschlüsse ziehen. Wenn aus dem späteren Leben bekannt ist, dass die Mutter schon psychische Probleme oder sogar ein Drogenproblem (Alkohol) hatte, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies auch schon bestand als der Betroffene im “sitting duck”-Alter war sehr groß. Und so verhält es sich im Grunde mit allen diesen indirekten Hinweisen.

Ja, aber ist es denn letztlich nicht egal oder wie Herr Röpke sagt letztlich nicht hilfreich in der Vergangenheit zu wühlen, wenn die aktuellen Probleme nur vage damit zusammen hängen? Es ist richtig, dass man die Vergangenheit nicht mehr ändern kann. Niemand konnte sich in der Lotterie des Lebens seine Eltern aussuchen. Aber es scheint für die Betroffenen wichtig zu sein eine Kausalität, eine Erklärung für ihr “so anders sein” zu haben. Es gibt die Anekdote – auch hier weiß niemand genau ob wahr oder nur gut erfunden – von einem Patienten der todkrank war. Die Ärzte wussten nicht was für eine Krankheit er hatte und waren selbst ratlos. Sie mussten mit ansehen wie sich der Zustand des Patienten zusehend verschlechterte. Bei der morgendlichen Visite im Krankenhaus durch die Ärzte der Abteilung fragte der Patient erneut welche Krankheit er denn habe. Die Ärzte schauten verlegen. Auf einmal sagt einer zum Patienten “Moribuntur”. Der Patient war überglücklich dass seine Krankheit einen Namen hatte und er wurde daraufhin wieder gesund. Wer jedoch des Latein mächtig ist, der wird feststellen, dass der Arzt nichts anderes gesagt hatte als “Er wird sterben”, nur eben auf Latein.

Zurück zu den Traumabetroffenen (ich vermeide den stigmatisierenden Begriff “Patient” oder “Behinderter”): wenn man keine Vorstellung davon hat, warum man so anders ist, als die anderen, dann gilt man nicht nur in der Wahrnehmung der anderen als “normal”, sondern auch im Selbstbild. In der Folge meint man “normal” sein zu müssen und den sozialen Erwartungen gerecht zu werden. Es entsteht ein enormer Druck “normal” zu sein. Verzweifelt sucht man nach jemandem, der einem helfen kann, versucht selbst sich “normal” zu verhalten und sich “zusammen zu reißen” usw. kurz zu allem Stress den man ohnehin schon hat, macht man sich noch selbst welchen. Von daher kann es eine enorme Erleichterung sein, wenn man sich sich selbst und der Umwelt erklären kann und dass man eben nicht “normal” ist und sich nicht neurotypisch verhalten kann ohne in enormen Stress zu geraten. Diese Erkenntnis ist wichtig für eine Selbsttherapie in Form des “Sich erklären Könnens”, das zu tun was einem gut tut und den krankmachenden Stress so weit es geht zu vermeiden. Ganz wichtig in diesem Zusammenhang: die Tatsache, dass man psychisch “behindert” ist, ist kein Jagdschein mit dem man sich alles erlauben kann oder darf. Wer Rücksichtnahme von seiner Umwelt einfordert, weil er eben psychisch anders gestrickt ist und nicht alles (stress-)folgenlos machen kann wie andere, der muss seine Umwelt gleichermaßen pfleglich und achtsam behandeln, denn “Wie es in den Wald hinein schallt, so schallt es heraus”. Die Umwelt, auch wenn letztlich verantwortlich für die eigene psychische Betroffenheit, ist kein Fußabstreifer oder Racheobjekt. Denn die Schuldfrage ist noch mal eine ganz andere. Wie jeder Jurist weiß ist die Tötung eines Menschen nie immer ein Mord. Es kommt sehr auf die Umstände an und jeder Fall ist anders. In der Mehrzahl der frühkindlichen Traumatisierungen, ohne späteren offenen Missbrauch u.ä., werden die Eltern nicht böswillig gegenüber dem Kind agiert haben, sondern im guten Glauben, dass das dem Kind nicht schaden wird bzw. auch gute Gründe dafür hatten – aus ihrer Sicht als Erwachsene. Das muss man als Betroffener auch erst einmal akzeptieren. Der Schlüssel hier ist gegenseitiges Verständnis. Nur bei anhaltendem Unverständnis, trotz des sich Erklärens, kann und sollte man als Betroffener Konsequenzen ziehen.
Und nochmal zur Begrifflichkeit: die “normale” posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezieht sich auf große Traumata. Frühkindliche Traumatisierung bzw. verdeckte Traumata resultieren in komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (kPTBS). Das ist auch in der Diagnostik zu unterscheiden, denn gerade letztere sind kognitiver Psychotherapie meist nicht zugänglich, denn der Bereich wo Emotionen und deren Autoregulation stattfindt, ist zu 100% unbewußt, wie auch Shelley Uram in ihrem Vortrag betont. Wer frühkindlich traumatisiert ist und in der Folge eine kPTBS entwickelt hat, der kennt gar kein anderes Leben und die kPTBS gehört zu seiner Persönlichkeit bzw. gehört zu dem was seine Identität ausmacht. Es gibt kein anderes Leben, das er kennt und das er zurück haben möchte. Und wer meinen ersten Artikel verstanden hat, der wird verstehen, dass es vermessen wäre zu versuchen das nachzuholen was im “sitting duck”-Zeitfenster versäumt wurde. Das ist für den patientenzentrierten Psychotherapiebetrieb ein Problem, denn eigentlich müsste das soziale Umfeld auf Verständnis, Rücksichtnahme und Kompromisse therapiert werden und nicht der unmittelbar Betroffene. Häufig bleibt mangels Verständnis des traumatherapeutischen Betriebs nur die Eigentherapie, die meist effektiver ist, denn statt sich nur einmal die Woche maximal 1½ Stunden “therapieren zu lassen”, kann man 24/7 an sich und seiner Umwelt arbeiten.

Hinsichtlich der Häufigkeit von Krebs als Folgeerkrankung von PTBS oder kPTBS möchte ich anmerken, dass Krebs in Deutschland die zweithäufigste Todesursache ist und die Medizin bei vielen Krebsarten außer den “üblichen Verdächtigen” wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht, falsche Ernährung, Bewegungsmangel und Genetik keine Ursachen benennen kann. Bezieht man die Fälle von frühkindlicher Traumatisierung mit ein, dann wird Krebs schon wahrscheinlicher, zumal durch den toxischen, chronischen Stress über Jahrzehnte eine Kausalität gegeben ist. Ich habe selbst keine Statistik dazu, aber eine der ACE-Studie vergleichbare Studie, die eine hohe Anzahl von Krebsfälle in Hinsicht auf frühkindliche Traumatiserung untersucht, wäre sicher hochinteressant. Ich selbst beobachte solche Fälle bei Prominenten, da dort sowohl Krebserkrankung als auch viel über das Privatleben öffentlich bekannt ist. Auch im aktuellen Todesfall von Tina Turner bestätigt sich wieder einmal: eine schwere Krankheitsgeschichte inklusive Krebs und eine “schwierige” Beziehung zur Mutter wie die Berliner Zeitung berichtete.

Abschließend noch ein paar Worte zu der Frage warum viele erst so spät mit der Bewältigung eines Traumas beginnen. Silke Birgitta Gahleitner, hat in ihren (sehr empfehlenswerten) Vorträgen (auf youtube) noch eine andere Erklärung: die Verdrängung oder Abspaltung des Traumas von der eigenen Person dient dem Schutz der eigenen, weiteren Entwicklung. Zum Teil sind da ja so schlimme Erlebnisse, die zu verarbeiten eine zeitraubende Mammutaufgabe für den Einzelnen darstellt. Aber als Jugendlicher und später als junger Erwachsener stehen andere Ziele und höhere Entwicklungsfenster im Vordergrund, die auch nicht verpasst werden dürfen: Schulabschluß, Ausbildung, Studium, Partnersuche, Familiengründung, Karriere, Kindererziehung. Traumaarbeit hat da erst mal keinen Platz. Erst wenn dieser Lebensabschnitt gemeistert ist, wenn die Kinder womöglich schon aus dem Haus sind, dann tritt die große Leere ins Leben und dann kommen die verdrängten, schlimmen, schmerzenden Erinnerungen wieder hoch und dann hat man auch erst die Zeit sich darum und sich selbst zu kümmern.

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